Platz 60 von 61.
Und nur Singapur ist schlechter.
Deutschland hat ein Problem mit Fehlern. Nicht damit, sie zu machen, sondern damit, wie wir mit ihnen umgehen. Der Wirtschaftspsychologe Professor Michael Frese von der Leuphana Universität Lüneburg hat die Fehlertoleranz in 61 Ländern verglichen. Das Ergebnis: Deutschland belegt Platz 60. Nur Singapur schneidet noch schlechter ab.
Das ist kein akademisches Randthema. Die Zahlen aus der Praxis bestätigen das Bild: Laut einer aktuellen AXA-Studie traut sich jeder vierte Beschäftigte in Deutschland nicht, Fehler offen zuzugeben. Bei den unter 25-Jährigen sind es sogar 44 Prozent. Und der EY Fehlerkultur Report zeigt: 64 Prozent der Führungskräfte haben eigene Fehler in den vergangenen zwei Jahren nicht oder nur teilweise zugegeben.
Warum Fehlerkultur oft Angstkultur ist
Die Gründe für das Schweigen sind nachvollziehbar: 43 Prozent der Führungskräfte fürchten Karrierenachteile, 34 Prozent haben Angst vor Jobverlust. In der Finanzbranche verschweigen sogar 82 Prozent der Führungskräfte ihre Fehlschläge ganz oder teilweise.
Die Folgen sind gravierend: Wenn Fehler vertuscht werden, fehlt die Grundlage für echtes Lernen. Mitarbeitende werden abgehalten, Risiken einzugehen und Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen. Die Angst, etwas falsch zu machen, lähmt und schränkt das Leistungsvermögen ein. Innovation wird unmöglich, wenn jeder Fehlversuch als persönliches Versagen gilt.
Als Hindernisse für einen konstruktiven Umgang mit Fehlern nennen Führungskräfte in der EY-Studie vor allem alte Gewohnheiten (50 Prozent), Angst vor Gesichtsverlust (48 Prozent) und fehlendes unternehmerisches Denken der Mitarbeitenden (38 Prozent). Dabei übersehen sie oft ihre eigene Rolle: Wer selbst keine Fehler eingesteht, kann schwerlich eine offene Fehlerkultur fordern.
Ohne Fehler keine Innovation
Dabei zeigt die Geschichte: Viele bahnbrechende Erfindungen entstanden durch Fehler oder Zufälle. Spencer Silver experimentierte bei 3M mit Klebstoffen und erschuf versehentlich einen, der nicht richtig haftete. Jahre später wurden daraus die Post-its. Alfred Nobel mischte Nitroglycerin mit Kieselgur und erfand das Dynamit. Louis Pasteur entdeckte das Prinzip der Impfung, als er versehentlich abgeschwächte Erreger verwendete. Percy Spencer bemerkte, dass Mikrowellen seinen Schokoriegel schmolzen. Wilson Greatbatch griff zum falschen Widerstand und erfand den Herzschrittmacher.
Der Wirtschaftswissenschaftler Christoph Seckler von der ESCP Business School bringt es auf den Punkt: Fehler machen ist menschlich. Und der Wirtschaftspsychologe Michael Frese ergänzt: Wir müssen Fehler machen, weil die Komplexität unserer Umwelt immer größer ist als unser Verständnis davon.
Die Frage ist nicht, ob Fehler passieren. Die Frage ist, was wir daraus machen.
Was es braucht, um aus Fehlern zu lernen
Eine konstruktive Fehlerkultur entsteht nicht von selbst. Sie braucht klare Rahmenbedingungen:
Normen und Regeln müssen bekannt sein. Nur wenn klar ist, was als Fehler gilt und was nicht, kann überhaupt eine Einordnung stattfinden. Ohne gemeinsames Verständnis gibt es keine Grundlage für Verbesserung.
Raum für Selbstreflexion schaffen. Wer keine Zeit hat innezuhalten, kann auch nicht lernen. Das bedeutet: bewusste Pausen, Retrospektiven, regelmäßige Reflexion im Team.
Vertrauen aufbauen. Nur in einer Atmosphäre, in der offen und wertfrei über Fehler gesprochen werden kann, werden diese auch gemeldet. Die AXA-Studie zeigt: Nur 5 Prozent wenden sich nach einem Fehler zuerst an ihre Führungskraft. Das sagt viel über das vorhandene Vertrauen.
Fehlertoleranz und Sanktionsfreiheit gewährleisten. Wer nach einem Fehler bestraft wird, macht beim nächsten Mal nicht weniger Fehler. Er versteckt sie nur besser. Das ist das Gegenteil von Lernen.
Fünf Schritte zu einer konstruktiven Fehlerkultur
Von heute auf morgen eine neue Fehlerkultur einzuführen, ist unrealistisch. Aber es gibt konkrete Schritte, die Unternehmen voranbringen:
1. Fehlerakzeptanz in der Führungsebene. Veränderung beginnt oben. Wenn Führungskräfte Fehler als Makel betrachten, wird sich daran nichts ändern. Die EY-Studie zeigt: Die Demut der Führungskräfte erklärt 47 Prozent der Fehlerkultur im Unternehmen.
2. Vorbildfunktion ernst nehmen. Führungskräfte müssen eigene Fehler eingestehen. 63 Prozent der Angestellten halten das für besonders relevant. Wer Fehler zugibt, schafft Vertrauen.
3. Risiken systematisch minimieren. Das schlimmste Szenario bis zum Ende durchspielen. Was kann passieren? Was wäre der Schaden? Wie können wir ihn begrenzen? Wer Risiken kennt, kann besser mit ihnen umgehen.
4. Fehleranalyse etablieren. Nicht fragen: Wer war schuld? Sondern: Was ist passiert? Warum? Was können wir ändern? Die Kommunikation sollte immer der Lösungsfindung dienen, nie der Schuldzuweisung.
5. Kontinuierlich Feedback geben. Nicht nur bei Fehlern, sondern regelmäßig. 49 Prozent der Befragten wünschen sich einen regelmäßigen Austausch über Fehlschläge. Feedback normalisiert das Gespräch über Verbesserungspotenzial.
Von der Fehlerkultur zur Lernkultur
Der Begriff Fehlerkultur ist eigentlich irreführend. Es geht nicht darum, Fehler zu feiern oder zu verherrlichen. Es geht darum, aus ihnen zu lernen. Eine konstruktive Fehlerkultur ist im Kern eine Lernkultur.
Niemand möchte gerne Fehler machen. Aber Fehler sind wichtige Erfahrungen. Sie sind Teil des Wachstums und ein wesentliches Element von Entwicklungsprozessen. Wird das Geschehen eines Fehlers erst akzeptiert, so entstehen Einsichten in Defizite und Schwächen des Wissens oder der Vorgehensweisen.
Nicht umsonst sagt der Volksmund: Aus Fehlern wird man klug. Vorausgesetzt, man lässt es zu.
Weiterführende Lektüre
Wer sich tiefer mit dem Thema beschäftigen möchte, dem empfehle ich den Klassiker Reinventing Organizations von Frederic Laloux. Das Buch zeigt anhand von zwölf Unternehmen, wie sinnstiftende Zusammenarbeit ohne klassische Machthierarchien funktionieren kann. Eine konstruktive Fehlerkultur ist dabei ein wesentlicher Baustein.
Mehr Informationen: reinventingorganizations.com
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