Sabotage durch Verweigerung – Wenn passiver Widerstand zum Kulturproblem der Arbeitswelt wird

von | Sep. 7, 2025 | Aus der Praxis, Business | 0 Kommentare

78 Prozent machen nur noch das Nötigste

Du sitzt im Teammeeting. Fünf Leute nicken, aber niemand sagt was. Aufgaben werden verteilt, aber niemand übernimmt wirklich Verantwortung. Es wird weitergemacht wie immer. Irgendwas fühlt sich zäh an. Die Zahlen des Gallup Engagement Index 2024 bestätigen das Bauchgefühl: 78 Prozent der deutschen Arbeitnehmer machen nur noch Dienst nach Vorschrift. Nur 9 Prozent fühlen sich ihrem Arbeitgeber emotional verbunden, der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebung.

Das hier ist kein offener Konflikt. Es ist keine Rebellion. Es ist passiver Widerstand. Und er ist viel gefährlicher, als er aussieht.

Was ist passiver Widerstand eigentlich?

Passiver Widerstand in der Arbeitswelt ist wie eine stille Mauer: Niemand sagt direkt Nein, aber auch niemand bewegt etwas. Es wird verzögert, ausgesessen, formal zugestimmt, aber faktisch nichts verändert.

Die Anzeichen sind oft subtil: Aufgaben werden angenommen, aber nicht erledigt. Feedbackschleifen werden endlos. Entscheidungen versickern. E-Mails bleiben unbeantwortet. Informationen werden zurückgehalten. Meetings verlaufen im Kreis. Es ist wie: Ich mach mit, aber ich mach’s so, dass nichts vorwärts geht.

Warum ist das ein Problem?

Weil es sich tarnt. Nach außen wirkt es wie Zustimmung, Engagement, vielleicht sogar Teamgeist. Die Beteiligung scheint da, aber sie ist leer. Intern blockiert passiver Widerstand Prozesse, lähmt Teams und verhindert echte Veränderung. Entscheidungen ziehen sich, Projekte versanden, Energie verpufft.

Die wirtschaftlichen Folgen sind enorm: Laut Gallup gingen der deutschen Wirtschaft 2024 zwischen 113 und 135 Milliarden Euro durch Produktivitätsverluste aufgrund mangelnder emotionaler Bindung verloren. Das Perfide daran: Niemand ist greifbar verantwortlich.

Woher kommt diese Haltung?

Passiver Widerstand ist oft kein böser Wille, sondern eine Schutzreaktion. Er entsteht dort, wo Menschen sich nicht gesehen, nicht gehört oder nicht ernst genommen fühlen. Die Ursachen liegen meist tiefer und sind strukturell verankert.

Überforderung entsteht, wenn Anforderungen steigen, aber Ressourcen nicht mitwachsen. Enttäuschung folgt, wenn gute Ideen versanden oder ignoriert werden. Frust über schlechte Führung baut sich auf, wenn Entscheidungen nicht nachvollziehbar sind. Misstrauen in Veränderungen wächst, wenn Change nur von oben passiert. Und mangelnde psychologische Sicherheit verhindert, dass Menschen sagen, was sie denken.

Die Gallup-Studie zeigt einen dramatischen Vertrauensverlust: Nur noch 21 Prozent der Beschäftigten vertrauen ihrer Führungskraft uneingeschränkt. 2019 waren es noch 49 Prozent. Das ist ein Absturz um mehr als die Hälfte in nur fünf Jahren.

Oft entsteht passiver Widerstand nicht sofort, sondern nach einer Phase echter Beteiligung. Wenn Menschen erlebt haben, dass ihr Engagement nichts bewirkt oder sogar gegen sie verwendet wurde, schalten sie innerlich ab. Nicht aus Trotz. Sondern aus Selbstschutz.

Der moderne Dienst nach Vorschrift

Was früher Dienst nach Vorschrift hieß, ist heute oft ein stiller, aber wirksamer Widerstand. Es ist kein offenes Nein, sondern ein kalkuliertes Nicht-Mitmachen. Die äußere Form stimmt: Aufgaben werden angenommen, Regeln beachtet, Fristen eingehalten. Aber der innere Antrieb fehlt. Und mit ihm: Verantwortung, Initiative und Fortschritt.

Typische Haltungen klingen so: Ich befolge jede Regel, genau so lange, bis alles steht. Ich warte auf Feedback, obwohl ich weitermachen könnte. Ich halte mich raus, sollen andere mal. Ich mache exakt das, was im Ticket steht, keinen Schritt mehr.

Gerade in agilen, komplexen Organisationen wirkt diese Haltung wie eine Zeitbombe. Dort braucht es proaktive Mitgestaltung, Flexibilität, Mitdenken. Wer sich innerlich verabschiedet hat, verlangsamt nicht nur Prozesse, sondern untergräbt auch Vertrauen im Team. Das Fatale: Dieses Verhalten ist schwer adressierbar. Es wirkt angepasst. Es liefert formal ab. Aber es sendet ein deutliches Signal: Ich bin nicht mehr dabei.

Was dagegen hilft

Man kann niemanden zwingen, engagiert zu sein. Aber man kann Rahmen schaffen, in denen Engagement wieder möglich wird. Das beginnt nicht bei den einzelnen Mitarbeitenden, sondern bei der Kultur, den Strukturen und der Haltung, mit der geführt wird.

Klarheit über Rollen und Erwartungen. Passiver Widerstand gedeiht besonders gut in Unverbindlichkeit. Wer nicht weiß, was genau erwartet wird, kann sich jederzeit in der Grauzone verstecken. Klarheit schafft nicht Kontrolle, sondern Sicherheit.

Beteiligung statt Verordnung. Wer mitgestalten darf, verweigert sich seltener. Das bedeutet: echte Mitsprache, nicht Alibi-Beteiligung. Menschen müssen das Gefühl haben, wirklich gehört zu werden.

Offene Konflikte zulassen. In Teams, in denen niemand widersprechen darf, entsteht kein Vertrauen. Führung muss Widerspruch nicht nur aushalten, sondern aktiv ermöglichen.

Feedbackkultur fördern. Ehrliches Feedback muss nicht immer nett sein, aber es muss sicher sein. Wer befürchten muss, für Kritik abgestraft zu werden, wird still.

Verantwortung zurückgeben. Nicht alles retten wollen. Aushalten, wenn jemand nicht liefert. Wer immer wieder kompensiert, entmündigt. Wer Verantwortung zumutet, macht echte Beteiligung wieder möglich.

Vertrauen vor Kontrolle stellen. Wer Mitarbeitenden signalisiert, dass er ihnen vertraut, aktiviert Selbstverantwortung. Wer dagegen alles kleinteilig absichern will, züchtet Rückzug und Inaktivität.

Passiver Widerstand ist kein individuelles Problem

Wenn in deinem Team oder Unternehmen ständig alles läuft, aber nichts wirklich funktioniert, dann schau genau hin. Vielleicht ist es kein Ressourcenproblem. Sondern ein Klima der stillen Verweigerung.

Und das lässt sich nicht mit mehr Regeln lösen. Sondern nur mit echter Auseinandersetzung. Führung, die passiven Widerstand verhindern will, braucht Mut zur echten Auseinandersetzung und die Bereitschaft, Kontrolle abzugeben, um Vertrauen aufzubauen.

Du erkennst dein Team wieder?

Passiver Widerstand zeigt sich oft leise, aber die Folgen sind deutlich spürbar. Wenn du das Gefühl hast, dass eigentlich alles läuft, aber nichts wirklich vorankommt: Lass uns gemeinsam hinschauen.

Manchmal braucht es einen externen Blick auf Strukturen, Prozesse und blinde Flecken. Klarheit ohne Schuldzuweisung und mit dem Mut, das Thema wirklich anzupacken. Auf unserer Kontaktseite kannst du auch direkt ein Gespräch buchen.

Jetzt Kontakt aufnehmen: buerobeast.de/kontakt

Quellen: Gallup, Engagement Index Deutschland 2024

Das könnte dir auch gefallen

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner